WählerUmfragen: Information und Propaganda - wieder ein aktuelles thema

Agenor Gasparetto*  

In dem Artikel Wählerumfragen: Information und Propaganda, der im August 1999 in der Zeitschrift des Brasilianischen Verbands für Marktforschung (Revista da Sociedade Brasileira de Pesquisas de Mercado - SBPM) erschien und sich auf die letzte Präsidentschaftswahl bezog, hatte der Autor den Standpunkt vertreten, dass die Veröffentlichung von Wählerumfragen je nach Kontext unterschiedliche Bedeutung erhält. Vier verschiedene Kontexte wurden erwähnt und drei von ihnen genauer analysiert, was das Problem der Beeinflussung der Wähler durch die Umfrageergebnisse betrifft.

Der erste Fall bezieht sich auf die Veröffentlichung von Umfragen längere Zeit vor der Wahl. In diesem Kontext liefern sie Informationen, die ein erstes Stimmungsbild wiedergeben und als Grundlage für die weitere Entwicklung dienen. Vom Einfluss auf den Wähler her gesehen sind solche Veröffentlichungen kein Problem.

Der zweite Kontext beinhaltet die Veröffentlichung von Umfragen im Zeitraum von sechs Monaten vor den Wahlen, vor allem in der Zeit des eigentlichen Wahlkampfs. In diesem Zusammenhang sind Umfrage­ergebnisse auch kein Problem, es sei denn, es existiert ein Monopol auf ihre Veröffentlichung, so dass die Daten nicht in Frage gestellt werden können. Im üblichen Klima eines Wahlkampfs, mit dem für ihn charakteristischen Wettbewerb verschiedener Strategien, Aktionen und Informationen, ist daher die Veröffentlichung von Umfragen auch kein Problem, weder aus der Sicht des Wählers noch im Hinblick auf die demokratischen Spielregeln.

Der dritte und problematischste Kontext ist in den 48 Stunden vor der Wahl und am Wahltag selbst gegeben. In diesem Fall kann die Veröffentlichung von Umfrageergebnissen eher der Demokratie schaden, wenn sie verhindert, dass die Kandidaten ein Minimum an gleichen Bedingungen genießen. Da in einer solchen Situation praktisch ein Veröffentlichungs­monopol herrscht, sind sie wie Schlaglichter, die das Unterscheidungs­vermögen des Wählers blenden, indem sie wichtige Elemente ins Spiel bringen, denen die Benachteiligten nicht widersprechen können. Im Prinzip handelt es sich dann um eine Fortsetzung des Wahlkampfs durch andere Mittel. Das bedeutet nicht, dass dahinter eine bewusste Absicht der veröffentlichenden Medien stehen muss, das Ergebnis der Wahl zu beeinflussen. Trotzdem kann es der Fall sein, dass der Nachrichten­­vermittler bei der Auswahl der Institute selektiv vorgeht und nur die Ergebnisse eines einzigen veröffentlicht, was dann doch eine bestimmte Absicht vermuten lässt. In diesem Zusammenhang wäre es angebracht, überhaupt keine Umfragen mehr zu veröffentlichen, da der Wahlkampf bereits abgeschlossen ist. Der freie Umlauf von Umfragedaten nach Ende der Wahlkampf­periode, den die Wahlgesetzgebung heute zulässt, scheint dem Autor nicht sinnvoll. Es ist jedoch die heute gültige Spielregel. Das wäre kein Problem in einem Kontext, der durch Misstrauen gegenüber den Umfragen und den Medien gezeichnet ist, was wiederum für die Marktforschung und die Medien kaum wünschenswert wäre. Das Problem würde sich auch nicht stellen, wenn die Nachrichtenvermittler alle angemeldeten Umfragen veröffentlichen und diese unterschiedliche Stimmungsbilder wiedergeben würden. Auch in diesem Fall würden Zweifel aufkommen, was die Gefahr eines unangebrachten Einflusses der Umfrageergebnisse im Zeitraum nach dem Wahlkampf deutlich verringern würde.

Der vierte Kontext entsteht erst nach den Wahlen, wenn die Wahltag-Umfragen (“boca de urna”) veröffentlicht werden. Dieser Kontext ist vom Einfluss auf die Wähler her ohne Bedeutung, nimmt nur die Wahlergebnisse um einige Stunden vorweg und dient vor allem als Bestätigung für die Zuverlässigkeit der Institute.

Der genannte Artikel geht davon aus, dass die Wählerumfragen im Hinblick auf ihre Methodologie keine nennenswerten Unterschiede im Verlauf des Wahlvorgangs aufweisen, dass ihre Bedeutung für den Wähler und die Rolle, die ihre Veröffentlichung in dem jeweiligen Kontext spielt, sich jedoch entscheidend verändert. Diese Unterschiede zu ignorieren würde eine soziologische Verzerrung darstellen und kaum dazu beitragen, die Realität genauer zu erfassen. In dem Wahlprozess, der zur Zeit stattfindet, wird deutlich, dass schlechter gestellte Kandidaten angesichts der ungünstigen Ergebnisse reagieren und versuchen, die Umfrage öffentlich anzuzweifeln. Diese Anfechtung kann viele Formen annehmen. Eine Möglichkeit besteht darin, ein anderes Institut mit einer Umfrage zu beauftragen, die dann ein umgekehrtes Bild ergibt. In diesem Fall ist natürlich eines der beiden Ergebnisse fragwürdig. Nun verfügt jedoch meistens der Wähler über keine Anhaltspunkte zur Unterscheidung zwischen tatsächlichen Umfragen und taktischen Kniffen. Eine zweite Form ist die reine Fälschung, die gänzlich auf die Institute verzichtet. Eine andere Möglichkeit besteht in dem Versuch, das Institut in Misskredit zu bringen und damit die Umfrage in Frage zu stellen. Auch mit unerheblichen Details und Spitzfindigkeiten lässt sich leicht ein Klima von Unsicherheit schüren, das angesichts der vielerorts herrschenden Unwissenheit über die Beschaffenheit von Umfragen schwere Folgen haben kann. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass infolge der Auf- und Abrundung der einzelnen Werte durch das statistische Programm minimale Abweichungen von den 100% der Gesamt­stimmen­zahl entstehen, die dann durch geschickte Anprangerung durch die Gegner eine Umfrage unglaubwürdig erscheinen lassen und den Auftraggeber verunsichern. Es gibt unzählige Möglichkeiten, durch Betrug und Schlauheit Zweifel an einer Umfrage aufkommen zu lassen. Es erscheint dem Autor angebracht, diese Möglichkeiten zu erwähnen, weil es hier nicht um die technische Genauigkeit einer Umfrage geht. Es geht um die Macht ihres Einflusses auf die Wähler im Moment ihrer Veröffentlichung.

Der o.g. Artikel vertritt den Standpunkt, dass das Problem der Veröffentlichung von Umfrage­ergebnissen hauptsächlich darin besteht, dass die Wähler eine Art Anspruch auf Unfehlbarkeit der Institute verinnerlichen. Konkret lässt sich dieses Problem daran erkennen, dass die Wähler die Ergebnisse der Umfragen mehr oder weniger für unfehlbare Wahrheit halten. Dieser sogenannte Unfehlbarkeitsanspruch entsteht durch das Bedürfnis der Institute, ihre Glaubwürdigkeit immer wieder unter Beweis zu stellen, die wiederum von ihrer Genauigkeit in Bezug auf die tatsächlichen Wahlergebnisse abhängt – er gehört also, wenn auch nicht unbedingt vorsätzlich, zur Werbung und zum Marketing der Institute über sich selbst. Je seriöser daher die Umfragen wirken und je größer die kulturelle Armut des Wählers, desto wahrscheinlicher ist es, dass er diesen Unfehlbarkeits­anspruch verinnerlicht. Selbstverständlich wird dieser Anspruch auch von den Medien nachhaltig unterstützt.

Wählerumfragen stellen eine leicht verständliche, in Zahlen ausgedrückte Zusammenfassung eines Gesamtbildes dar, das angeblich die Wahrheit der Urnen enthält, da durch die Formulierung “Wenn die Wahl heute wäre...” die Wahl praktisch vorweg­genommen wird. Dahinter steht dann die indirekte Annahme: “Wenn alles so bleibt wie jetzt, wird das Wahlergebnis folgendes sein”, und darin besteht der wahre Gehalt solcher Umfragen, was auch ihren Einfluss und ihr Werbungspotential erklärt.

Wenn also eine Umfrage in den Fernseh­nachrichten einen solchen Inhalt in allgemein verständlicher Form vermittelt, so hat dies ein Jahr vor den Wahlen eine bestimmte Bedeutung, erhält aber eine andere, wenn die Umfrage einen Monat vor den Wahlen erscheint, eine noch ganz andere am Abend vor den Wahlen und außerdem eine nachträgliche Bedeutung, wenn die Wahltag-Umfragen das “wenn...” ersetzen durch “Wen haben Sie gewählt?”. Da während des Wahlkampfs die Anfechtung von Umfrage­ergebnissen möglich ist, wird der Einfluss ihrer Veröffentlichung in diesem Zeitraum neutralisiert. So erhalten die bereits erwähnten Kniffe und Täuschungs­versuche, die nicht selten kriminelle Ausmaße im Hinblick auf die Legalität des Wahlprozesses annehmen**, nebenbei noch eine positive Wirkung, denn sie tragen dazu bei, den Mythos der Unfehlbarkeit abzubauen, der von den Instituten angestrebt wird.

Selbstverständlich haben Umfragedaten in dem Wettbewerbs­klima einer Wahldebatte, das ohnehin von Konfrontation und Widersprüchen gezeichnet ist, eher einen geringen bzw. gar keinen Einfluss. In solchen Zusammen­hängen sind Umfragen nicht mehr als Spiegel der Realität, Moment­aufnahmen in einem längeren Prozess. Oft kommt es vor, dass eine neue Befragung auf ein völlig anderes Stimmungsbild stößt als eines, das noch im Umlauf ist oder gerade veröffentlicht wird, das sich jedoch auf eine Umfrage älteren Datums bezieht. In diesem Zusammenhang ist also eine Umfrage einschließlich ihrer Veröffentlichung und Anfechtung durch andere Akteure nur mehr eine von vielen Informationen, denen der Wähler ausgesetzt ist, sie ist sogar häufig eine Information ohne besondere Glaubwürdigkeit. Daher ist in einem solchen Kontext auch der Grad der Verinnerlichung des Unfehlbarkeits­anspruchs durch den Wähler gering, der Wähler neigt eher dazu, die Umfrage­ergebnisse anzuzweifeln, und das ist sicher von Vorteil für die Demokratie, wenn auch die Mittel fragwürdig sind.

Wenn jedoch die Veröffentlichung bestimmter Umfragedaten im Publikum den Eindruck von Arroganz und verfrühter Siegesgewissheit eines Kandidaten erweckt, so kann damit ein gegenteiliger Effekt erreicht werden. Dann kann eine Umfrage unter Umständen dafür verantwortlich sein, dass eine ungehaltene und in ihrem Stolz verletzte Wählerschaft die Pläne dessen, der sich “zu früh auf den Thron setzen” wollte, noch einmal um vier Jahre aufschiebt. In Situationen wie dieser, zum Beispiel, ist nicht nur der positive Effekt ausgeblieben, sondern es wurde sogar das Gegenteil von dem erreicht, was die Veröffentlichung der Umfrage bezweckte. Da der Wahlkampf gewöhnlich mit Emotionen beladen und die öffentliche Meinung bzw. der Wählerwille sehr empfindlich ist, kann es ein entscheidender Fehler sein, verfrüht als Sieger aufzutreten. Das einzige Stimmungsbild, das nicht mehr verändert werden kann, ist das Ergebnis der Stimmzählung aus den Wahlurnen. Und keine Umfrage, so gut sie auch sein mag, kann die eigentliche Wahl ersetzen.

Abschließend soll noch einmal darauf hingewiesen werden, dass die Veröffentlichung von Umfragen während des Wahlkampfs an sich kein Problem ist, dass aber eine Veröffentlichung nach Abschluss des Wahlkampfs ein Problem darstellen kann, da einem schlecht gestellten Kandidaten dann keine Mittel mehr zur Verfügung stehen, um diese Daten anzufechten. Die Veröffentlichung in diesem letzten Kontext kann also durchaus problematisch sein, obwohl dies nicht unbedingt der Fall sein muss. Unabhängig davon ist es heute so, dass die gültige Gesetzgebung auch in diesem letzten Kontext die Veröffentlichung von Umfrage­ergebnissen erlaubt.

Es ist ein Anliegen des Autors, nach Ende der laufenden Wahlen wieder auf dieses Thema zurückzukommen. 

Itabuna, 15. September 2000.

(Übersetzung: Silvia Reichmann de Almeida)

* Soziologe, Dozent an der UESC - Universität Santa Cruz, Ilhéus, Bahia, und Teilhaber der Sócio Estatística.

** Während dieser Wahlen hat die Sócio Estatística in Mato Verde, Minas Gerais, eine Umfrage durchgeführt. Bevor überhaupt die Ergebnisse fertig berechnet waren, kamen auf einmal unzählige Anrufe, in denen das Büro gebeten wurde, eine Umfrage zu bestätigen, die in der Stadt bereits im Umlauf war, aber auch mit Drohungen für den Fall, dass die Firma irgendwelche Schritte unternehmen sollte. Umgehend erklärte die Sócio Estatística auf ihrer Seite im Internet, dass die Datenverarbeitung für diese Umfrage noch nicht einmal abgeschlossen war, dass die Ergebnisse in der vom Wahlgericht vorgegeben Form weitergeleitet würden, und dass die Firma überhaupt keine Verbindung mit der in ihrem Namen veröffentlichten Umfrage habe. Der Vorfall wurde auch an den Wahlrichter der Stadt weitergeleitet, und die “Rádio Cidade Livre” sendete ein Interview mit dem Autor, in dem noch einmal erklärt wurde, dass die in Frage stehende Umfrage nicht authentisch war, sondern dass alle Angaben einschließlich Unterschrift gefälscht worden waren. Zwei Tage später kam dann heraus, dass der andere Radiosender, der zur Partei des derzeitigen Bürgermeisters gehört, am folgenden Tag seinen Hörern erklärt hatte, dass jener Agenor Gasparetto, der von der “Rádio Cidade Livre” interviewt worden war, eine Fälschung gewesen sei, und dass der echte in Kürze bei ihnen ein Interview geben und die Ergebnisse der Umfrage bestätigen würde, die im Namen der Sócio Estatística veröffentlicht worden war.