WählerUmfragen: Information und Propaganda1

Agenor Gasparetto2

Im vergangenen Oktober, bei den Wahlen für das Amt des Präsidenten und für die Gouverneure der Länder, haben die Wählerumfragen mehr als nötig im Mittelpunkt gestanden. Wenn man davon ausgeht, dass solche Umfragen in etwa die Rolle eines Schiedsrichters beim Fußballspiel erfüllen sollten, ist es kein gutes Zeichen, dass sie dieses Mal so viel Raum in den Medien und den öffentlichen Diskussionen einnahmen und die Szene zu wenig den Hauptpersonen, den Politikern, und dem Wahlvorgang selbst überließen, von dem sie eigentlich ein Bestandteil sind. Das wirft nun die Frage über die Rolle und den tatsächlich einzunehmenden Raum von Wählerumfragen in dieser und in anderen Wahlen auf.

Zur Rolle von Meinungsumfragen bei Wahlen gibt es zwei klar abgegrenzte Standpunkte. Der erste wird hier als technisch-methodologische oder einfach nur technizistische Position bezeichnet, der zweite als ethisch-politische Position.

1. Der technisch-methodologische Ansatz

Die erste Position wird vorwiegend von den Forschungsinstituten selbst vertreten und von den Medien, die ihre Ergebnisse veröffentlichen. Dabei handelt es sich um den Standpunkt von sozialen Akteuren, die eigene Interessen in der Sache vertreten und daher zumindest die kommerzielle Dimension, in diesem Fall Zuschauer- bzw. Leserquoten, im Blick haben. Als zusätzliches Ziel kann noch die Absicht hinzukommen, das Ergebnis der Wahlen entscheidend zu beeinflussen. Für diese Position lässt sich das Problem der Meinungsforschung auf eine Frage des Fehlerwerts und der Ungenauigkeit reduzieren, das heißt, auf die Wahrscheinlichkeit, dass eine Umfrage mehr von den tatsächlichen Zahlen abweicht, als es innerhalb der Fehlermarge zu erwarten wäre.

Innerhalb dieses Ansatzes sind zwei Linien vertreten. Die eine geht von der prinzipiellen Neutralität von Wählerumfragen aus, da sie die Realität einfach nur wiedergeben, sie aber in keiner Weise beeinflussen können. Die Forschungsinstitute als Verband tendieren zu dieser Position, obwohl es individuelle Abweichungen geben kann, wie z.B. bei den Direktoren von Datafolha oder Brasmarket. Für andere wiederum besteht zwar ein gewisser  Einfluss, der jedoch zum normalen Ablauf demokratischer Prozesse dazugehört. Dieser Standpunkt wird vor allem von den Medien vertreten. Die beiden genannten Positionen sehen keine Probleme in der Durchführung und Veröffentlichung von Wählerumfragen, da diese entweder neutral in ihrem Einfluss auf die Wähler sind, oder weil dieser Einfluss völlig demokratisch ist, da “verschiedene Einflüsse, Gedanken und Informationen” nun einmal zur Wahlszene dazugehören (Folha de São Paulo),  weil Umfragen “nicht nur informieren, sondern auch eine zivilisatorische Funktion ausüben” (Luís Francisco Carvalho Filho), oder weil sie es dem Wähler ermöglichen, “persönliche Neigungen mit einem gewissen Pragmatismus zu verbinden” (Renato Lessa).

Wenn also überhaupt ein Problem besteht, dann geht es immer um die Frage der Unparteilichkeit und methodologischen Integrität, was die Genauigkeit der Ergebnisse betrifft. Folglich lassen sich die Probleme in einem annehmbaren Rahmen lösen, da es letztendlich nur um den Fehlerwert geht. Letzterer ließe sich durch die Festsetzung von “verbindlichen Standards für die Forschungsverfahren bzw. Fehlermarge” und einem “Handbuch für die Interpretation von Meinungsumfragen”  reduzieren, wie es die Institutsleiter (von IBOPE, Datafolha, Vox Popoli und Soma) vorschlugen, als sie auf Bitte von Fernando Gabeira (Abgeordneter der Grünen – PV/Partido Verde  für den Staat Rio de Janeiro) am 11. November 1998 vor der Kommission für Verbraucher­schutz im Bundestag ihre Forschungsmethoden erklären sollten (Folha de São Paulo, 12.10.98, S. 1-3; www.oglobo.com.br/politica, 13.11.98).

Bei dieser Gelegenheit, als im Bundestag die Bildung einer Untersuchungs­­kommission zu dieser Frage erwogen wurde, äußerte sich Carlos Augusto Montenegro, Direktor des IBOPE, folgendermaßen: “ich hoffe, dass es eine Untersuchungskommission geben wird. Ich werde die Fragebögen herbringen und die Ergebnisse der Umfragen zusammen mit der Kommission nachrechnen” (www.oglobo.com.br/politica, 13.11.98). Aus Montenegros Äußerung geht klar hervor, welche Auffassung vom Einfluss der Umfragen er vertritt. Das ethische Problem wegen eines möglichen Einflusses existiert einfach nicht. Um ihre Glaubwürdigkeit zu unterstreichen, schlugen die o.g. Institutsleiter neben der bereits erwähnten “Standardisierung der Fehlermarge” und dem “Interpretations-Handbuch” noch zusätzlich die Veranstaltung von “Vorträgen, in denen erklärt wird, dass Meinungsumfragen nicht den Ausgang der Wahlen beeinflussen” vor. Es wäre also eine gezielte Kampagne nötig, um diese Position zu untermauern und um darzustellen, dass Umfragen unparteiisch sind und keinen Einfluss auf die Entscheidung der Wähler haben.

Jede Einschränkung einer Veröffentlichung von Umfragen ist daher als Zensur zu verstehen, als Angriff gegen die Pressefreiheit und gegen das Recht aller Bürger, die Ergebnisse zu erfahren. Diese Position wird deutlich in Äußerungen wie: “Es geht hier selbstverständlich nicht darum, die Medien der Verantwortung für ihre Produkte zu entheben. Wird jedoch im Voraus festgelegt, was nicht an die Öffentlichkeit getragen werden darf, so bedeutet das die Überwachung der Informations- und Meinungsfreiheit – in anderen Worten, die Einführung der Zensur” (Folha de São Paulo, 28.8.97, 1-2). Jede Art von Zensur würde verstanden als “Einschränkung des Anrechts des Wählers auf alle Informationen, die er zur Begründung seiner politischen Entscheidungen wünscht... Der freie Umlauf von Daten aus Wählerumfragen darf nicht behindert werden” (Folha de São Paulo, 9.10.98, 1-2). Wer dieser Position nicht zustimmt, so die Folha de São Paulo, verweigert eine “intelligente Diskussion über die Umfragen” und zeigt eine “demagogische und autoritäre” Haltung. Jede Einschränkung der “freien Äußerung von Gedanken” ist im Grunde paternalistisch und verteidigt bestimmte Privilegien, denn dahinter steht der verdeckte “Vorsatz, die Gesellschaft zu bevormunden, da sie alleine nicht für fähig gehalten wird, mit der Demokratie und der damit verbundenen Auseinandersetzung mit verschiedenen Einflüssen, Meinungen und Informationen zurechtzukommen”, und weil die Umfragen doch weiterhin stattfinden würden, aber nur wenige Zugang zu ihnen hätten, während “die Mehrzahl der Bürger dann im Dunkeln wählen müsste”.

2. Der ethisch-politische Ansatz

Der zweite Ansatz ist ethisch-politischer Natur und vertritt den Standpunkt, dass Meinungsumfragen nicht neutral sind, sondern den Prozess der Wahlen beeinflussen. Es stellt sich nun folgende Frage: Unter welchen Umständen sind sie legitim und ethisch zu verantworten und unter welchen Umständen würden sie zu sehr das Recht der Kandidaten auf ein Minimum an gleichen Bedingungen einschränken und auch den Wähler im Moment seiner Entscheidung behindern, indem sie ihn mit Umfragedaten überschütten?

Die Umfrageergebnisse üben einen unterschiedlich großen Einfluss auf Kandidaten, Parteianhänger und Wähler aus, und dieser Einfluss kann in bestimmten Situationen die Bedingungen des Wahlkampfs verändern. Das Problem besteht hauptsächlich darin, dass die Wähler aus dem Diskurs und der Praxis, die ihnen präsentiert wird, eine Art Anspruch auf Unfehlbarkeit der Institute übernehmen und verinnerlichen, was von den Medien noch verstärkt wird.

Eine konkrete Auswirkung dieses Problems ist, dass die Wähler die Ergebnisse der Umfragen mehr oder weniger für unfehlbare Wahrheit halten. Je weniger Zugang zu Information und Bildung der Wähler hat, desto stärker ist natürlich diese Tendenz, wie eine vorherige Studie bereits aufzeigte3.

Somit ist der methodologische Fehler nicht mehr das Hauptproblem. In Bezug auf die Verinnerlichung des Anspruchs auf Unfehlbarkeit der Umfrageergebnisse durch den Wähler ist er nicht einmal ein Problem. Im Gegenteil, unabhängig von denen, die Umfragen veröffentlichen, und von den Instituten selbst, leistet der methodologische Fehler letztendlich einen Beitrag zur Demokratie, indem er den Wähler zum Misstrauen verleitet, ihn dazu bringt, kritischer zu denken, da sich ein Fehler ja immer wiederholen kann.

Da das Problem also ein anderes ist, besteht die Lösung darin, den Unfehlbarkeitsanspruch zu entkräften. Dieser Anspruch entsteht durch das Bedürfnis der Institute, ihre Glaubwürdigkeit immer wieder unter Beweis zu stellen, die wiederum von ihrer Genauigkeit in Bezug auf die tatsächlichen Wahlergebnisse abhängt – er gehört also, wenn auch nicht unbedingt vorsätzlich, zur Werbung und zum Marketing der Institute über sich selbst. Entgegen der Meinung von Walter Ceneviva (Folha de São Paulo, 31.10.98, 3-2), der davon ausgeht, dass “seriöse Umfragen die dahinter liegende Realität feststellen oder enthüllen, aber keine Tatsachen schaffen”, dass sie also nur die Realität widerspiegeln, ist es letztendlich so, dass der Unfehlbarkeitsanspruch desto stärker durch den Wähler verinnerlicht wird, je seriöser die Umfragen erscheinen.

Statt also, wie die Tageszeitung Folha de São Paulo meint, einer “Einführung der Zensur” gleichzukommen, würde eine Einschränkung der Veröffentlichung von Umfragen eher eine größere Chancengleichheit im Wahlkampf gewährleisten und die Auswirkungen des sogenannten “efeito Mateus” bzw. des Rechts des Stärkeren abschwächen, die die Veröffentlichung von Umfrageergebnissen mit sich bringt. Die Wählerumfragen könnten hiermit von der Liste der Faktoren gestrichen werden, die zu ungleichen Bedingungen in den Wahlen führen, wie sie die Folha de São Paulo selbst aufzählte (5.11.98, 1-2).

Ein Argument für die uneingeschränkte Veröffentlichung von Umfrageergebnissen lässt sich mit folgender Frage zusammenfassen: Wieso sollte nur den Politikern das Recht vorbehalten sein, Zugang zu Ergebnissen von Wählerumfragen zu haben, während die Masse dazu verurteilt wird, im Dunkeln zu wählen? Eine mögliche, wenn auch in ihrer Begründung überzogene Antwort auf diese Frage ließe sich folgendermaßen formulieren: Aus dem gleichen Grund, weshalb nicht allen Arbeitern die technischen Geheimdaten über ein neues Produkt mitgeteilt werden, oder warum nicht sämtliche Generäle und Offiziere der amerikanischen oder russischen Streitkräfte den Geheimcode des Atomwaffenlagers erfahren. Streng genommen gibt es in allen Zusammenhängen meistens mehr Schatten als Licht, mehr Verborgenes bzw. falsche oder fehlende Information als allgemeine Klarheit und vollständige Kenntnis.

Wenn also beispielsweise die Institute und Medien die Öffentlichkeit von der Neutralität der Umfragen überzeugen wollen, z.B. durch die dem Bundestag vorgeschlagenen “Vorträge, in denen erklärt wird, dass Meinungsumfragen nicht den Ausgang der Wahlen beeinflussen” (www.oglobo.com.br/politica, 13.11.98), dann verdecken sie die wahre Natur der Wählerumfragen damit mehr als sie sie enthüllen. Streng genommen ist die Notwendigkeit solcher Vorträge selbst schon ein Anzeichen für das Gegenteil ihrer These.

Praktisch gehen die Verteidiger einer uneingeschränkten Veröffentlichung von Umfragedaten davon aus, dass alle Wähler über gleiche Bildung und gleichen Zugang zu Informationsquellen verfügen. Ein Blick auf die Schulbildungs- und Einkommensstatistiken genügt jedoch als Beweis für das Gegenteil. Es geht nicht darum, den Wähler als “Opfer oder reines Objekt gegenüber der Werbung” hinzustellen, sondern darum, zuzugeben, dass er “nicht immun gegenüber der ungleichen Masse von Propaganda” ist (Folha de São Paulo, 5.11.98, 1-2). Wenn man also zugibt, dass Ergebnisse aus Wählerumfragen nicht nur eine rein informative Rolle spielen, sondern auch in Prozentsätzen wiedergegebene Werbung darstellen können, lässt sich das von der Folha de São Paulo verlangte uneingeschränkte Recht auf Veröffentlichung doch noch relativieren.

Eine andere Ausgangsthese ist die, dass der Wähler ohne die Umfrageergebnisse “im Dunkeln” bzw. “blind” wählen müsste, wie es Otávio Frias Filho ausdrückt (Folha de São Paulo, 8.10.98, 1-2). Diese Annahme stimmt ebenfalls nicht. Der Wähler unterhält sich mit seinen Nachbarn, Kollegen und Freunden in verschiedenen Zusammenhängen. Solche Gespräche vermitteln dem Wähler bereits eine annähernde Vorstellung von dem, was um ihn herum vorgeht. Er hört, was andere über die Kandidaten sagen und kann auch im Fernsehen oder auf Wahlversammlungen die Kandidaten selbst anhören. Genau aus diesem Grund stellen auch die Politiker selbst oft eine bestimmte Frage an die Umfragen: Wer gewinnt? Der Wähler hat selbst ein annäherndes Bild der Verteilung der Wahlabsichten, obwohl gerade diese spezifische Frage hauptsächlich die Höhe der eingesetzten Werbung widerspiegelt. Eine zweite Lichtquelle, die den Wähler nicht “im Dunkeln” wählen lässt, sind die Umfragen, die bis zwei Tage vor dem Wahltag veröffentlicht werden, das heißt, bis zum letzten Tag des Wahlkampfs. Es wird davon ausgegangen, dass diese Lichter ausreichend sind für die Überlegungen des Wählers und für seine Entscheidung am Wahltag, ohne in letzter Minute von späten Lichtern, herausgerissen aus dem Kontext des Wahlkampfs und der politischen Auseinandersetzung, belästigt zu werden. Dies ist letztendlich der entscheidende Punkt. In der kurzen Zeit nach Ende des Wahlkampfs, in einem Zusammenhang, in dem keine freie öffentliche Diskussion von Ideen und Tatsachen mehr möglich ist, werfen zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte Umfragen letztendlich zuviel Licht auf den Wähler und erhöhen damit die Gefahr, dass er im Moment der Wahlentscheidung geblendet ist, wenn er auch nicht nur als “Opfer” oder “reines Objekt” zu sehen ist. Folglich besteht das Risiko eigentlich nicht darin, “im Dunkeln” zu wählen, sondern eher darin, bei der Wahl von grellen Scheinwerfern geblendet zu werden, die von schlechter gestellten Kandidaten, die nur niedrige Prozentsätze erreicht haben, nicht in Frage gestellt werden können. Die veröffentlichten Ergebnisse stellen die Kandidaten in ungleiches Rampenlicht zugunsten derer, die die ersten Plätze belegen, während die letzten dann so dastehen, als ob sie bereits definitiv ausgeschieden wären, was dann oft eine Umverteilung von Wählerstimmen und völlige Apathie unter diesen letzteren Kandidaten, ihren Parteigängern und ursprünglich überzeugten Wählern zur Folge hat.

Nachdem nun die beiden Positionen und Interpretations­möglichkeiten zur Rolle von Wählerumfragen mit ihren wichtigsten Argumenten vorgestellt wurden, soll im Folgenden genauer auf einige Voraussetzungen und Begriffe eingegangen werden.

3. Voraussetzungen und Begriffe:

3.1 – Jeder Wahlvorgang ist einmalig und einzigartig.

Anders als die Realität im Bereich der Naturwissenschaften ist die soziale Realität, in der die Wählerumfragen stattfinden, einmalig und einzigartig, sie ist nicht wiederholbar wie z.B. ein physikalisches Experiment. Manchmal lässt sich ein Phänomen beobachten, das dann auch als Argument für die Neutralität der Umfragen benutzt wird: selbst wenn die Umfragen eine Tendenz in eine bestimmte Richtung anzeigen, kommt es vor, dass ein anderer Kandidat wider Erwarten ein besseres Ergebnis erreicht, die Wahl gewinnt oder zumindest mehr Stimmen erhält als vorausgesehen. In einer schnellen und oberflächlichen Analyse wird daraus dann folgender Schluss gezogen: Die Umfragen haben keinen Einfluss auf das Wahlergebnis. Zunächst einmal muss berücksichtigt werden, dass dieser Einfluss natürlich relativ ist und in unterschiedlicher Weise und Intensität auf den Wähler einwirkt. Absolut ist dieser Einfluss nur für eine bestimmte Wählergruppe: für diejenigen, die auf jeden Fall den Gewinner wählen bzw. ihre Stimme nicht (an einen Verlierer) vergeuden wollen. Eigentlich müsste das o.g. Phänomen ohne den Einfluss der Umfragen noch deutlicher zu beobachten sein. Man müsste es daher anders ausdrücken: Trotz aller Umfragen hat der Kandidat gut abgeschnitten.

In solchen Situationen lässt sich nicht sagen, welche Stimmenzahl erreicht worden wäre, wenn die Umfragedaten anders ausgesehen hätten. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass der von den Umfragen unterschätzte Kandidat eher eine noch größere Anzahl von Stimmen erreicht hätte.

Auf Grund der Einzigartigkeit eines jeden Wahlvorgangs lässt sich das o.g.  Phänomen nicht als Argument für die neutrale Wirkung der Umfragedaten anführen. Es ließe sich eher umgekehrt einsetzen, das heißt, als Beweis für ihren Einfluss, da der Kandidat trotz seiner Unterschätzung durch die Umfragen ein besseres Ergebnis erreichen konnte.

3.2 – Bedeutung der Umfrageergebnisse

An dieser Stelle ist es notwendig, die Ergebnisse von Wählerumfragen und ihre Bedeutung näher zu untersuchen. Es gibt nicht nur eine einzige Bedeutung, sondern verschiedene Funktionen, die in ihrer Vielfalt berücksichtigt werden müssen, um die Realität nicht auf ein eingeschränktes Bild zu reduzieren. Unter den wichtigsten Bedeutungen sind folgende zu nennen:

a)       Umfragen werden durchgeführt, um einen bestimmten Zeitpunkt im Verlauf eines Prozesses festzuhalten, sie sind Momentaufnahmen. Eine Aufreihung solcher Aufnahmen kann in eine bestimmte Richtung weisen, eine Tendenz voraussehen lassen. Trotzdem bleibt die Wahrscheinlichkeit bestehen, wenn auch nur eine kleine, dass ein Fehler auftritt. Die Wählerumfragen sind Versuche einer Annäherung an die Realität, sie sind nicht die Realität selbst, und als Annäherung enthalten sie immer einen Stichprobenfehler und ein Konfidenzintervall. 

b)       Umfragen haben auch eine meinungsbildende Funktion, das heißt, sie beeinflussen die Wähler, sie sind nicht neutral. Dies bedeutet nicht, dass sie zu verurteilen wären. Im Gegenteil, wie auch die Folha de São Paulo und der Direktor von Datafolha argumentieren, üben sie eine wichtige Rolle innerhalb des Wahlvorgangs aus. Vom Standpunkt der Kandidaten und der Propagandafachleute aus gesehen sind die Ergebnisse der Wählerumfragen wertvolle Informationen und ein wichtiger Bestandteil des Wahlprozesses. Daher:

c)       werden sie zu einem nützlichen Werkzeug bei Entscheidungen und für die Planung von Strategien und Aktionen, außerdem

d)       können sie selbst Bestandteil der Wahlpropaganda werden.

Kurz gesagt, es handelt sich bei den Umfragedaten um Informationen, die wie alle Informationen relevant sind, Beachtung erhalten und Einfluss ausüben können. In diesem Sinne sind es Informationen mit Werbungspotential, das unter bestimmten Umständen zum Tragen kommen kann.

Von der Perspektive der Wähler aus gesehen, sind die Umfrageergebnisse nützliche Informationen von unterschiedlichem Wirkungsgrad. Dies zeigt z.B. eine Studie von Márcia C. Nunes, Örjan Olsén und Joseph Straubhaar in dem Artikel “O uso de pesquisas eleitorais em decisões de voto” (Die Verwendung von Umfrageergebnissen bei der Entscheidung des Wählers), in der auf Meinungsforschung spezialisierten Zeitschrift Opinião Pública (CESOP/ UNICAMP, Campinas, SP, Ano I, Dez./93, Vol. 1, no 2, 63-75).

Es handelt sich um Informationen, die komplexe Situationen in vereinfachter Form zusammenfassen. In leicht verständlichen Prozentsätzen wird die Wählermeinung wiedergegeben, und damit ein Gesamtbild der Aktionen und Strategien der verschiedenen Kandidaten aufgestellt. Werden solche Bilder aneinandergereiht, so werden Tendenzen sichtbar, Entwicklungen im Verlauf des Wahlprozesses.

Es sind numerische Zusammenfassungen mit dem Anspruch, die Wahrheit des Wahltages zu enthalten, indem dieser vorweggenommen wird mit dem Ausdruck “Wenn die Wahlen heute wären...”, den man auch anders interpretieren könnte als “Wenn alles so bleibt wie jetzt, wird dies das Ergebnis der Wahlen sein”. Dies ist die Wahrheit, die sie enthalten und die ein mögliches Werbungsmaterial darstellt, auch wenn die Medien die Umfragedaten nur als eine Form von Information hinstellen, die mit unzähligen anderen um das Licht der Öffentlichkeit ringt.

Sobald jedoch eine Umfrage veröffentlicht ist, wird sofort derjenige, der nicht an erster Stelle steht, seine Strategien überprüfen und mit allen Mitteln, über die er verfügt und die die demokratischen Spielregeln zulassen, versuchen, die Situation zu seinen Gunsten zu verändern. Derjenige, der in der Statistik vorne steht, wird seinerseits versuchen, seine Position zu erhalten oder den Abstand noch zu vergrößern, und jedes Zeichen von der Seite seiner Gegner wird er aufmerksam mitverfolgen. Die Strategien und Aktionen der verschiedenen Kandidaten pflegen die Umfrageergebnisse zu berücksichtigen, die hier auch als Rückmeldung über den Erfolg oder Misserfolg bereits durchgeführter Maßnahmen und Strategien gilt. In diesem Sinne kann also nicht bestätigt werden, dass eine Wählerumfrage eine “Information wie jede andere” ist (Figueiredo, 1994).

3.3 – Verschiedene Bedeutungen, die Umfragen erhalten können

In methodologischer Hinsicht gibt es bei Wählerumfragen kaum Unterschiede, die auf den Zeitpunkt der Befragung zurückzuführen wären, von kleineren technischen Nuancen abgesehen, und die verschiedenen Institute unterscheiden sich auch nicht wesentlich in ihrer Methodologie. Der Kontext jedoch, in dem Umfragen durchgeführt und veröffentlicht werden, weist bedeutende Veränderungen auf.

Trotz prinzipiell gleichbleibender Methodologie kann sich also die Bedeutung einer Umfrage stark verändern, je nachdem, in welchem Kontext und zu welchem Zeitpunkt des Wahlvorgangs sie stattfindet.  Drei Bedeutungen bzw. Funktionen sind deutlich zu unterscheiden: zwei für Umfragen, die vor dem Wahltag veröffentlicht werden, und eine dritte Funktion für nachträgliche Umfragen, die am Wahltag selbst an den Ausgängen der Wahllokale durchgeführt werden (sogenannte “boca de urna”-Umfragen).

3.3.1 – Die Wahltag-Umfragen (“boca de urna”)

Die Wahltag-Umfragen sind nachträgliche Umfragen, bei denen die Befragten bereits gewählt haben. Im Hinblick auf ihren Einfluss auf die Entscheidung des Wählers haben sie also keine Bedeutung, sie sind völlig nichtig. Trotzdem erhalten diese Umfragen drei wichtige Funktionen in dem hier diskutierten Zusammenhang:

a)       Die Ergebnisse der Wahl werden durch sie einige Stunden vorher bekannt, was auch ihrer offiziellen Funktion entspricht.

b)       Diese letzten Umfrageergebnisse werden im Allgemeinen von den Instituten zur Bestärkung ihrer Glaubwürdigkeit und Legitimation benutzt. Darin liegt sicher ihre Hauptfunktion. Sie werden zu einem effektiven Instrument, um das Ansehen der Institute zu bewahren. Es kommt zum Beispiel auffällig selten vor, dass Institute einen Vergleich anstellen wie z.B. Brasmarket im zweiten Wahlgang der vergangenen Gouverneurswahl, in dem die letzte Umfrage vor den Wahlen, die am 24. in der Zeitschrift Isto É veröffentlicht worden war, den tatsächlichen Wahlergebnissen gegenübergestellt wurde (Isto É, 1518, 4.11.98, S.37).

c)       Durch die massive Veröffentlichung der Wahltag-Umfrageergebnisse und ihren Vergleich mit den Ergebnissen der Wahlurnen wird der Blick des Wählers von den Leistungen der Institute im Zeitraum vor den Wahlen abgelenkt. Damit stellt sich auch nicht mehr die Frage des Einflusses der Umfragen auf den Wähler sondern nur noch die des Fehlers, der bei den Wahltag-Umfragen in der Regel relativ klein ist. Diese Umorientierung von den Daten vor den Wahlen zu den Ergebnissen, die nach den Wahlen erzielt wurden, gehört zu einer Strategie, die die Diskussion über die Veröffentlichung von Umfragen von der ethisch-politischen Ebene auf das Problem der Genauigkeit und des methodologischen Fehlers verlagert. Daraus geht wiederum die These der allgemeinen Neutralität von Umfragen hervor und folglich auch das Recht der Medien auf (zum Monopol erhobene, uneingeschränkte, absolute) Veröffentlichung der Ergebnisse, und für den Wähler verstärkt sich wieder einmal das Bild der Unfehlbarkeit solcher Umfragen.

Dies sind die Funktionen, die von den Wahltag-Umfragen letztendlich ausgeübt werden. Durch ihren Einsatz wird die Diskussion über einen möglicherweise unangemessenen Einfluss abgelenkt von einem ethisch-politischen Problem zu einem rein methodologischen Problem, und somit die Basis geschaffen für Argumente, die die Umfrageergebnisse für neutral halten, das unbegrenzte Veröffentlichungsrecht verlangen und jede Einschränkung dieses Rechts interpretieren als Zensur bzw. als Anzeichen von demagogischer oder autoritärer Haltung. Hinzu kommt, dass diese letzten Umfragen dann als Maß für die Leistung der Institute gelten und, dank ihrer in der Regel geringen Abweichung, die Legitimation der Institute noch verstärken.

3.3.2 - Die Umfragen vor den Wahlen

Die Umfragen, die in dem Zeitraum vor den Wahlen durchgeführt und veröffentlicht werden, können zwei Funktionen erfüllen:

a) Erstere sind die, die bis zu zwei Tage vor den Wahlen veröffentlicht werden, also bis zum letzten Tag des offiziell zugelassenen Wahlkampfs. In diesem Zeitraum stehen sie wie andere Informationen im freien Wettbewerb der Einflüsse auf die Wähler.

b) Die zweite Sorte ist die, die zwischen dem Ende des Wahlkampfs und der Wahl stattfinden, den Wahltag eingeschlossen. In diesem kurzen Zeitraum können die Ergebnisse der Umfragen und ihre Veröffentlichung nicht in Frage gestellt werden, und sie beherrschen dann frei die Szene, als absolut gültige Informationen.

a) Umfragen bis zum Ende des Wahlkampfs: ihre Veröffentlichung ist ethisch vertretbar, weil der Wähler das Recht hat, über die Aussichten der verschiedenen Kandidaten informiert zu werden, damit er, wenn er es wünscht, eine Entscheidung treffen kann, die “persönliche Neigungen mit einem gewissen Pragmatismus verbindet”, so wie es Datafolha, die Zeitung Folha de São Paulo und die Politikwissenschaftler Renato Lessa (IUPERJ) und Carlos Novaes (Doktorand an der UNICAMP) vertreten. In diesem Fall stimmen der Autor und die Folha überein, dass Demokratie “die freie Auseinandersetzung mit verschiedenen Einflüssen, Gedanken und Informationen” voraussetzt (Folha de São Paulo, 9.11.98, 1-3) oder, wie es Otávio Frias Filho ausdrückt, “dass Wahlen in einer Demokratie darin bestehen, ‘Einflüsse’ zu vervielfachen” (Folha de São Paulo, 8.10.98, 1-2). Die Veröffentlichung geschieht also in Zusammenhang mit dem Wahlkampf, im Rahmen der freien Auseinandersetzung und Diskussion.

Umfragen, die vor Beginn der gesetzlich geregelten Wahlpropaganda durchgeführt werden, sowie auch die, die noch längere Zeit im Voraus stattfinden, beispielsweise ein Jahr oder mehr vor den Wahlen, dienen eher als Grundlage für Entscheidungen über die mögliche Teilnahme bestimmter Kandidaten und für die entsprechende Planung, sie können aber auch schon als meinungsbildende Informationen oder zu Propagandazwecken eingesetzt werden. Wenn der Wahlkampf jedoch bereits begonnen hat, bis zwei Tage vor den Wahlen, gehören die Umfragen zum freien demokratischen Spiel und können dazu beitragen, realitätsferne Wahlpropaganda wenigstens teilweise zu entkräften. Luís Francisco de Carvalho Filho stellt daher fest, dass “unabhängige Forschungsinstitute nicht nur informieren, sondern auch eine zivilisatorische Funktion ausüben. Ohne sie wären der Manipulation durch die Kandidaten keine Grenzen gesetzt” (Folha de São Paulo, 8.10.98, 1-3). Letztendlich sind die Wählerumfragen eine Errungenschaft und müssen der Gesellschaft erhalten bleiben.

b) Umfragen zwischen dem Ende des Wahlkampfs und der Wahl, den Wahltag eingeschlossen: diese Umfragen funktionieren praktisch wie eine Fortsetzung des Wahlkampfs durch andere Mittel, unabhängig von der Absicht derer, die sie durchführen oder veröffentlichen. Da sie jedoch in diesem Zusammenhang von niemand in Frage gestellt werden, ist ihre Wirkung entsprechend größer. Das Recht der Medien, die Öffentlichkeit zu informieren, nimmt hier die Ausmaße eines Monopols an, da den benachteiligten Kandidaten kein Mittel zur Verfügung steht, um diese Wirkung zu neutralisieren. Durch die unterschiedlichen Kontexte erhalten also die Umfragen der Wahlkampfperiode und die, die in dem kurzen Zeitraum danach veröffentlicht werden, völlig verschiedene Bedeutung.

3.3.4 - Der Einfluss der Wählerumfragen

Der Direktor des Instituts Brasmarket, Ronald Kuntz, stellt fest, dass “eine Umfrage, in der ein bestimmter Kandidat eine schlechte Position erhalten hat, dazu führen kann, dass seine Sponsoren weniger investieren, oder auch, dass seine politische Basis, wie z.B. Bürgermeister und andere Verbündete, ihre Unterstützung neu abwägen und unter Umständen zurückziehen” (Isto É, 1548, 4.11.98, S. 37)4. “Es stellt sich die Frage”, so Marco Aurélio Garcia, Geschichtswissenschaftler der UNICAMP, “ob die Umfragen noch Instrumente zur Messung der öffentlichen Meinung sind, oder ob sie viel mehr zu einem Eingriff in ebendiese öffentliche Meinung geworden sind”, so dass “das Hauptproblem heute in ihrem Einfluss auf die Wahlergebnisse besteht” (Folha de São Paulo, 13.10.98, 1-3). Für den Journalisten Cláudio Weber Abramo “liegt das Problem bei den Medien, da durch die brasilianische Praxis, die sich auf die Leichtgläubigkeit des Publikums stützt, eine ungenierte Manipulation möglich ist”, und diese würde in der großen Presse so praktiziert, dass “keine Zahlen verändert werden, aber einfach nur das hervorgehoben wird, was in ihrem Interesse steht, und weggelassen wird, was diesem Interesse entgegensteht” (Folha de São Paulo, 13.10.98, 1-3).

Walter Ceneviva, der die juristische Spalte (“Letras Jurídicas”) der Folha de São Paulo schreibt, gibt zu, dass die Verfassung zwar “das Recht, Umfragen durchzuführen und zu veröffentlichen” gewährleistet, dass aber “diese Freiheit nicht absolut ist”, dass also “das Gesetz ihr Grenzen setzen kann” (Folha de São Paulo, 31.10.98, 3-2), was auch Janio de Freitas bestätigt (Folha de São Paulo, 8.10.98, 1-5). Er geht jedoch davon aus, dass “seriöse Umfragen die dahinter liegende Realität feststellen oder enthüllen, aber keine Tatsachen schaffen”, dass sie also nur die Realität widerspiegeln. Entscheidend ist folglich die Qualität und Zuverlässigkeit der Institute, die sich an ihrer Leistung erkennen lässt. Aber er macht auch auf einen anderen positiven Aspekt aufmerksam: “dass die Umfragen nicht nur Vorlieben, sondern auch Abneigungen feststellen”, das heißt, sie schaffen eine Tatsache. Als Beispiel erwähnt der Autor den zweiten Wahlgang in São Paulo, als Wählerumfragen die Ablehnung gegen den Kandidaten Maluf feststellten, und dass “ihre Glaubwürdigkeit im Hinblick auf die daraufhin abgeschlossenen Bündnisse mit ein Grund für ihre Erhaltung ist”. In die gleiche Richtung argumentiert der Generaldirektor von Datafolha, Mauro Francisco Paulino, der die Unabhängigkeit seines Institutes anführt als Grund für uneingeschränkte Veröffentlichung der Umfrageergebnisse. Er versichert, dass “Datafolha nur Meinungs- und Wählerumfragen für Kommunikationszwecke durchführt und vertraglich absichert, dass die auftraggebenden Medien die Ergebnisse in ihrer Gesamtheit und ohne Einschränkungen veröffentlichen. Alle Daten, die Datafolha in der Bevölkerung sammelt, kommen als Nachrichten zu ihr zurück” (Folha de São Paulo, 5.11.98, 1-3). Paulino erklärt auch, dass sein Institut “sich nicht darauf beschränkt hat, die Wählermeinung zu erfassen. Anhand einer Reihe anderer Techniken wurden auch konjunkturelle Veränderungen erklärt und dem Wähler geholfen, verschiedene Aspekte des Wahlprozesses zu verstehen”. Paulino sieht in der “Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und Transparenz” der Institute den entscheidenden Punkt. “Umfragen veröffentlichen”, so Otávio Frias Filho, “bedeutet, dem Bürger relevante Information für seine Entscheidungsfindung zuzutragen” (Folha de São Paulo, 8.10.98, 1-2).

Dieser Standpunkt ist nicht nur wegen seiner politischen Linie lobenswert, sondern auch, weil er zugibt, dass die veröffentlichten Umfrageergebnisse tatsächlich einen Einfluss ausüben. Es gibt jedoch einen kurzen Zeitraum, nach Ende des Wahlkampfs und vor der Wahl selbst, in dem ihre Veröffentlichung aus ethischer und politischer Sicht problematisch ist. Ohne Frage sind Werte wie Unparteilichkeit, Transparenz und Unabhängigkeit unabdingbar für eine Branche, die von ihrer Glaubwürdigkeit lebt, aber ein Monopol auf dieses Recht auf Kosten der Chancengleichheit unter den Kandidaten ist durchaus fragwürdig. Die Gewährleistung von (minimal) gleichen Bedingungen für alle Kandidaten wird aufgegeben im Namen eines absoluten Rechts auf Meinungsfreiheit, weil die hier dargestellten grundsätzlichen Veränderungen im Kontext der Veröffentlichung nicht anerkannt werden. Daher ergibt sich die größte Meinungsverschiedenheit zwischen dem Autor und Positionen wie die der Folha de São Paulo und des Datafolha genau in diesem Zeitraum zwischen dem Ende des eigentlichen Wahlkampfs und dem Wahltag selbst, und es geht dabei vor allem um die Unterscheidung der beiden Zusammenhänge: Veröffentlichung in der Zeit des Wahlkampfs oder wenn dieser bereits gesetzlich verboten ist. Ein zweiter Punkt, der hier in Frage gestellt werden soll, bezieht sich auf den Einsatz der bereits erwähnten Wahltag-Umfragen als Maß für die Gesamtleistung der Institute. Insgesamt bestehen einige grundlegende Differenzen gegenüber der genannten Position.

Die Wähler selbst werden in unterschiedlichem Maß von den Umfragen beeinflusst:

a) Einerseits werden Wähler, deren Kandidat keine Chancen zu haben scheint, durch solche Ergebnisse entmutigt und reagieren mit Apathie, wie eine vorherige Studie bereits feststellte5.

b) Gleichzeitig verstärkt sich die Tendenz zur zweckmäßigen Wählerstimme (natürlich zweckmäßig für die einen auf Kosten anderer), bei der der  Wähler “persönliche Neigungen mit einem gewissen Pragmatismus” verbindet, bis hin zu

c) denjenigen Wählern, deren Wahlentscheidung direkt aus den Umfragen hervorgeht, weil sie ihre Stimme nicht vergeuden wollen. Diese Art Wähler ist am empfänglichsten für die Wirkung von Meinungsumfragen. Die Größe dieser Wählergruppe steht in Zusammenhang mit dem Ausmaß der kulturellen Armut und lässt sich z.B. an den Bildungsstatistiken ablesen.

Der Einfluss der Umfrageergebnisse ist also unterschiedlich, entscheidend für einen Teil der Wähler, Anlass zum zweckmäßigen Wählen für einen anderen Teil, und Grund zur Apathie in einer dritten Gruppe, die aber ihre Entscheidung nicht deswegen ändert. Der Einfluss der Umfragen ist also im Sinne des sogenannten “efeito Mateus” bzw. des Rechts des Stärkeren, denn er begünstigt die, die mehr haben, indem er es von denen nimmt, die weniger haben.

3.3.4.1 - Das Recht zu informieren: Im Grunde geht es bei dem Argument der Neutralität, das den Kontext nicht berücksichtigt, darum, sich das Monopol der Veröffentlichung abzusichern. Genauso wie es jedoch das Recht zu informieren gibt, gibt es auch das Recht auf gleiche Bedingungen, darauf, dass keine externen Faktoren den Ausgang einer Wahl beeinflussen. Ein Informationsmonopol ist wie alle Monopole nicht gut für die Demokratie. Auch das Recht des Bürgers, seine eigene Bilanz des Wahlkampfs aufzustellen und dann frei seine Entscheidung zu treffen, ohne von einer mit anderen Mitteln verlängerten Kampagne nach Ablauf der Wahlkampfperiode bedrängt zu werden.

Bei dem von den Medien vertetenen Standpunkt ist nicht zu vergessen, dass es auch zumindest noch um kommerzielle Interessen geht, also um eine Steigerung der Zuschauerzahlen oder des Zeitungsverkaufs. Es ist auffällig, dass Wählerumfragen meistens zu Schlagzeilen werden bzw. an hervorgehobenen Stellen in den Nachrichten plaziert werden. Dazu ließe sich fragen: Nach welchem Prinzip funktioniert die Raumverteilung in den Nachrichten? Wenn Umfragen neutral wären, wären sie auch unwichtig vom Nachrichtenwert her. Zeitungen, Zeitschriften und Nachrichten­sendungen können in ihrem eigenen Interesse wohl kaum Schlagzeilen wählen, die für ihr Publikum uninteressant sind. Es kommt also auf den Publikumseffekt an. Und Umfragen sind eindeutig ein wirksames Thema, was nicht unbedingt negativ zu sehen ist, und aus diesem Grund wird ihnen ein privilegierter Raum in den Nachrichten zugestanden.

Zusammenfassend lässt sich also über die Bedeutung und Funktion von Meinungsumfragen innerhalb eines Wahlvorgangs sagen, dass Wahltag-Umfragen als nachträgliche Umfragen nichtig in ihrem Einfluss auf die Entscheidung des Wählers sind, dass aber Umfragen, die während der 48 Stunden vor der Wahl stattfinden, wenn die Kandidaten bereits ihre Werbung eingestellt haben, eine Fortsetzung des Wahlkampfs durch andere Mittel und somit einen Missbrauch des Informationsrechts darstellen. In dem Zeitraum davor, im Kontext des Wahlkampfs und der freien Diskussion und Auseinandersetzung, sind Umfragen jedoch ethisch vertretbar und gehören bereits zur politischen Tradition in Brasilien.

4. Die legalen Anforderungen für die Veröffentlichung von Umfragen sind bürokratische Formalien, die sich immer wiederholen

So wie es heute steht, sind die legalen Anforderungen, die an eine Wählerumfrage von offizieller Seite aus gestellt werden, im Prinzip reine Formalitäten, die, mit kleinen Änderungen und aktuellen Daten wie z.B. dem Zeitraum der Befragung, immer in gleicher Form beim Wahlprüfungsgericht eingereicht werden. Die meisten Angaben sind Wiederholungen: Wert, Auftraggeber, Stichprobenfehler, Fragebogen. Das Wahlprüfungsgericht stempelt sie dann ab, ohne weitere Folgen. Das Gesetz setzt fest, dass Umfragen spätestens fünf Tage vor ihrer Durchführung angemeldet sein müssen. Umfragen, die ein bis zwei Tage vor der Wahl stattfinden sollen, werden also im Voraus angemeldet, anhand eines Umfrageplans. Nun stimmt aber die Durchführung nicht immer mit dem Plan überein. Es wird im Prinzip keine Meinungsumfrage selbst, sondern ein Umfrageplan angemeldet, der beispielsweise auch lange Zeit im Voraus hätte erarbeitet werden können. Diese Tatsache erklärt den rein notariellen Charakter der Anmeldung von Umfragen.

Das Wahlprüfungsgericht verlangt also nicht rechtzeitig solche Daten, wie sie interessant für jemanden sein könnten, der eine Umfrage anzweifelt. Der Grund dafür ist einfach: bis zum Erhalt solcher Informationen vergeht meistens ein zu langer Zeitraum, in dem dann schon eine neue Umfrage in den Medien erschienen ist und die vorherigen als überholt gelten, oder die Wahlen selbst haben bereits stattgefunden. Wer also wie Novaes (Folha de São Paulo, 10.10.98, 1-3) annimmt, dass die vom Wahlprüfungsgericht veranlassten Vorkehrungen ausreichend sind, unterschätzt zumindest die Komplexität des Problems.

5. Vorschläge für das Problem der Veröffentlichung von Umfrageergebnissen

Anhand der vorliegenden Darstellung kann also nicht mehr nur von einem einzigen Problem in Bezug auf die Arbeit der Meinungsforscher und der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse bei den vergangenen Wahlen gesprochen werden. Es handelt sich um mindestens zwei verschiedene Ebenen: ein technisch-methodologisches Problem und ein ethisch-politisches Problem.

5.1 - Lösungsvorschläge für die technisch-methodologischen Probleme bzw. für das Fehlerproblem:

a) Förderung des Wettbewerbs: Die Konkurrenz zwischen verschiedenen Instituten wird von vielen für die Lösung des Problems gehalten, wie z.B. von Renato Lessa (Folha de São Paulo, 18.10.98, 1-3), Carvalho Filho (Folha de São Paulo, 8.10.98, 1-3) und Paulino (Folha de São Paulo, 5.11.98, 1-3), unter anderen. Sicher ist der Wettbewerb wünschenswert und muss gefördert werden, kann sich jedoch in der Praxis als unzureichend erweisen. Im zweiten Wahlgang der letzten Gouverneurswahl veröffentlichte Datafolha in São Paulo eine Umfrage, die einen überraschenden Umschwung zu Gunsten des Kandidaten Mário Covas über den vorherigen Favoriten Paulo Maluf anzeigte. Zur gleichen Zeit schickte sich gerade IBOPE an, eine andere Umfrage zu veröffentlichen, in der die Lage umgekehrt war. Aufgrund der Ergebnisse des Konkurrenten wich dann das Institut einer Konfrontation aus, indem es auf die Veröffentlichung seiner Ergebnisse verzichtete, die noch immer einen Vorsprung von Maluf anzeigten. Dieser Vorfall rief Reaktionen in der Öffentlichkeit hervor wie z.B. die des Senators Antônio Carlos Magalhães. Hinzu kommt noch ein anderes Problem: eine Sache ist der Wettbewerb in Bezug auf die Durchführung von Meinungsumfragen. Eine andere Sache ist es, zum Beispiel die Nachrichtensendung Jornal Nacional dazu zu bringen, über die jeweiligen Ergebnisse zu berichten. Wie lässt es sich verhindern, dass ein privates Unternehmen, unabhängig davon, dass es eine öffentliche Konzession besitzt, einigen Forschungsinstituten auf Kosten anderer den Vorzug gibt? Trotzdem ist das Prinzip des Wettbewerbs sicher förderlich.

Praktisch hat diese im Prinzip gute Lösung jedoch begrenzte Wirkung. Immer noch im Sinne der Konkurrenz schlägt Renato Lessa, selbst Leiter eines akademischen Institutes, vor, dass angesehene universitäre Forschungsinstitute Wählerumfragen durchführen sollten (Folha de São Paulo, 18.10.98, 1-3). Dies scheint eine gute Lösung zu sein, obwohl Lessa das Problem bei der methodologischen Integrität der Umfragen sieht und dem Einfluss der Umfrageergebnisse keine größere Bedeutung beimisst, wenn der Wähler “persönliche Neigungen mit einem gewissen Pragmatismus” verbindet, unabhängig von den unterschiedlichen Kontexten. Selbst in Bezug auf das Fehlerproblem allein geht dieser Vorschlag von einer falschen Voraussetzung aus: dass angesehene universitäre Forschungsinstitute unfehlbar seien. Im Gegenteil, sie haben sicher große Erfahrung in der Analyse der Ergebnisse und der politischen Situation, haben aber wenig Erfahrung in der Durchführung von Wähler­befragungen. Eine solche Lösung benötigt der Markt sicher nicht, und es würde sich auch noch die Frage ihrer Finanzierung stellen.

b) Unabhängige Umfragen: Walter Ceneviva, von der Folha de São Paulo, unterscheidet zwischen “Umfragen zur Information des Publikums und Umfragen, die an Parteien oder Kandidaten verkauft werden” (Folha de São Paulo, 31.10.98, 3-2), wobei erstere “seriöse Umfragen” seien und letztere bereits eine “Erbsünde” mit sich bringen würden, das heißt, eine Verbindung mit bestimmten Parteien oder Kandidaten6. Methodologisch gesehen lässt sich diese Unterscheidung jedoch nicht aufrecht erhalten. Der Empfänger macht eine Umfrage nicht mehr oder weniger seriös. Die Beurteilung der Qualität und Genauigkeit einer Umfrage geschieht ohnehin immer nachträglich, nach der Wahl. Bis zum Ergebnis der Wahlurnen lässt sich die Genauigkeit und Qualität einer Umfrage nicht nachweisen. Ohne Zweifel ist die Vergangenheit eines Institutes wichtig, aber sie stellt nicht unbedingt eine Sicherheit für die Zukunft dar. Außerdem muss wieder berücksichtigt werden, dass dieser nachträgliche Qualitätsnachweis sich meistens nur an der Wahltag-Umfrage orientiert, die ohnehin keinen Einfluss auf den Wähler ausüben kann und daher auch nicht zu diesem Zweck eingesetzt werden sollte.

c) Umfragedienste für nicht mehr als einen Kunden: Unter den vorgeschlagenen Lösungsmöglichkeiten ist auch die zu erwähnen, dass ein Forschungsinstitut niemals für mehr als einen Kunden arbeiten dürfte. Dieser Vorschlag geht davon aus, dass in diesem Falle jemand benachteiligt würde. Methodologisch gesehen ist diese Einschränkung jedoch unbegründet. Sie geht davon aus, dass derjenige, der Wahlforschung durchführt, gleichzeitig auch politischer Berater seiner Kunden ist. In diesem Sinne liegt das Problem eher darin, dass einige Institute ihre Funktion als Meinungsforscher überschreiten, indem sie den Raum und die Rolle der Marketing-Experten einnehmen. Wenn sich das Forschungs­institut auf das beschränkt, was die Realität hergibt, und anderen Fachleuten die Aufgabe überlässt, die Daten zu verwenden, um in das Geschehen einzugreifen und möglicherweise Änderungen zu bewirken, so stellt sich dieses Problem nicht mehr.

d) Handbuch für die Interpretation der Ergebnisse und Standardisierung der Fehlermarge von Wählerumfragen: Dieser Vorschlag, den die Direktoren einiger Institute der Komission für Verbraucherschutz im Bundestag vorstellten (www.oglobo.com.br/politica, 13.11.98), hat eher Einschränkungen praktischer Art. Die Standardisierung ist ein Problem des Auftraggebers, der die Umfrage bezahlen wird und daher enscheidet, welchen Stichprobenfehler er in Kauf nehmen will, da mehr oder weniger Punkte im Fehlerwert eine Kostenfrage sind. Das Verhältnis zwischen dem Betrag, den er zu investieren gewillt ist, und dem Fehlerwert, den diese Entscheidung zur Folge haben wird, ist Sache des Kunden. Die Standardisierung wird daher nicht vorgegeben, sondern ausgehandelt. In Bezug auf das Handbuch lässt sich anführen, dass die Verbände der Institute für Marktforschung bereits eigene Ethik-Codes besitzen, wie z.B. ABIPEME, ANEP und ESOMAR . Die aufgeführten Daten sind klar genug und der Wähler hat keine Schwierigkeiten damit, sie zu verstehen. Das Problem liegt bei dem, der Umfragen veröffentlicht, weil er nicht immer auf die äußeren Umstände im Moment der Veröffentlichung und ihre Bedeutung aufmerksam macht, wie z.B. auf den Befragungs­zeitraum oder die genaue Frage­stellung. Diese Informationen stehen ohnehin schon auf den Umfrage­berichten der Institute. Die praktische Wirkung eines solchen Handbuches wäre sicher beschränkt.

e) Veranstaltung von “Vorträgen, in denen erklärt wird, dass Meinungsumfragen nicht den Ausgang der Wahlen beeinflussen” (www.oglobo.com.br/politica, 13.11.98): Dies ist die Position der Institute als Verband. Wie bereits erwähnt, entspricht sie nicht unbedingt der individuellen Meinung einzelner Direktoren, wenn man von ihren Beiträgen in der Zeitung ausgeht. Aus den bereits aufgeführten Gründen müssten solche Vorträge, wenn überhaupt nötig, mit dem umgekehrten Ziel veranstaltet werden, damit der Wähler den wirklichen Verdienst der Umfragen erkennen kann und sie nicht mehr als unfehlbare Wahrheit hinnimmt. Um es klar auszudrücken: der Wähler sollte dazu gebracht werden, den bereits verinnerlichten Unfehlbarkeitsanspruch der Institute zu neutralisieren und wieder freier in seinen Überlegungen zu werden. Hinter dem hier beschriebenen Vorschlag stehen eindeutig rein korporativistische Interessen.

5.2 - Die ethisch-politischen Probleme:

Das ethisch-politische Problem der Umfrageergebnisse und ihrer Veröffentlichung besteht in der Verinnerlichung, durch den Wähler und auch durch die Kandidaten und ihre Mitarbeiter, des Unfehlbarkeit­anspruchs der Umfragen, wobei die massive Veröffentlichung der Wahltag-Umfragedaten als Legitimation und Beweis für ihre Zuverlässigkeit einen wichtigen Faktor in diesem Prozess darstellt.

In dieser Hinsicht spielt der wahre Genauigkeits­grad der Umfragen eine sekundäre Rolle. Im Grunde ist die Offen­legung von Abweichungen, also von der Fehlbarkeit solcher Umfragen, ein Mittel gegen diese Tendenz.

5.2.1 -  Ein Vorschlag, der keine Lösung für die ethisch-politischen Probleme darstellt:

- ein generelles Veröffentlichungsverbot für Wählerumfragen: Eine derart extreme Position ergibt keinen Sinn, denn die Umfragen gehören längst zur politischen Kultur Brasiliens. Sie beeinflussen die Gesellschaft und leisten damit prinzipiell einen positiven Beitrag. Es geht nur darum, die Grenzen besser zu definieren.

Dies ließe sich über bestimmte Maßnahmen des Wahlprüfungsgerichts erreichen. Andere Lösungen könnten trotzdem berücksichtigt werden, wie zum Beispiel die Förderung der Konkurrenz, nicht nur bei der Durch­führung, sondern vor allem bei der Veröffentlichung von Wählerumfragen.

5.2.2 - Eine Lösung für das ethisch-politische Problem: Veröffentlichung mit Einschränkungen.

In diesem Sinne wären vor den Wahlen folgende Maßnahmen des Wahlprüfungsgerichts nötig:

a) bei der Anmeldung von Umfragen verlangen, dass die entsprechenden Ergebnisse beigefügt werden, so dass effektiv die Umfragen, und nicht nur die Umfragepläne angemeldet werden. Die Anmeldung würde dann auch Inhalt besitzen und ihre zur Zeit rein notariell-bürokratische Funktion erweitern.

b) die Veröffentlichung von Umfragen nach Ende des Wahlkampfs untersagen, das heißt, ab 48 Stunden vor dem Wahltag bis zur Schließung der Urnen. Damit würde für den Zeitraum nach Ende des Wahlkampfs ein Minimum an gleichen Bedingungen geschaffen. In anderen Worten: Warum legt das Wahlprüfungsgericht einen Termin zur Beendung des Wahlkampfs fest, wenn in dem kurzen Zeitraum danach, in einem Kontext ohne freie Diskussion und Meinungsäußerung, in dem das Gesetz alle zum Schweigen verurteilt, einige Kandidaten auf Kosten anderer durch eine externen Faktor begünstigt werden, der weder von Parteien noch von Kandidaten beeinflusst werden kann?

Nach den Wahlen müsste das Wahlprüfungsgericht noch Folgendes veranlassen:

- in den Medien eine Gegenüberstellung zwischen den Ergebnissen der letzten (in ihrem Kreis angemeldeten) Umfrage und den tatsächlichen Wahlergebnissen veröffentlichen und die Abweichungen deutlich machen. Diese Aufklärungsmaßnahme müsste eine notwendige und unveräußerliche Funktion des Wahlprüfungsgerichts sein. Die Bürger werden ohne weiteres das Argument akzeptieren, dass die Situation sich in einigen Tagen verändern kann, da die Umfragen ja nur einen bestimmten Moment des Wahlvorgangs festhalten. Daraus ergeben sich zwei wichtige Folgen: Der Wähler wird klarer wahrnehmen können, wie die Umfragen beschaffen sind, womit dann auch die Verinnerlichung ihres Unfehlbarkeits­anspruchs abnimmt. Gleichzeitig werden diejenigen Institute, die bei dieser Gegenüberstellung glaubwürdig dastehen, durch einen wahren Verdienst ihr Ansehen verbessern können, ohne die eigentlich unbedeutenden Ergebnisse der Wahltag-Umfragen als Legitimation für ihre Arbeit vorzugeben. Es scheint also keine Gefahr zu bestehen, dass ein Institut, das zum Beispiel nur eine einzige Umfrage einen Monat vor der Wahl durchgeführt hat, in seinem Ansehen geschädigt wird, weil das Ergebnis nicht von den Urnen bestätigt wurde. Es wird damit nur bewiesen, dass die Realität dynamisch ist und dass man eine Momentaufnahme innerhalb eines Prozesses nicht als definitiv hinnehmen darf. Der Wähler wird das Institut nicht für die Veränderungen in der Realität verantwortlich machen können. Wenn alle Wähler einmal in diese Kultur hineingewachsen sind, werden die Umfragen als Spiegel bestimmter Momente des Wahlvorgangs Bedeutung erlangen und weniger Werbungskraft für die Propaganda der Kandidaten haben. In einem solchen Kontext besteht dann keine Gefahr mehr, dass die Veröffentlichung von Umfragen einen unerwünschten Einfluss ausübt.

Der Autor hofft, dass durch die Darstellung des Effekts, der hier Verinnerlichung des Unfehlbarkeitsanspruchs der Umfragen durch den Wähler genannt wurde, und durch konkrete Vorschläge für seine Neutralisierung ein Beitrag für die Ziele der Declaração de Porto Alegre geleistet werden konnte, die von den Anwaltsverbänden7 bei einer Tagung vom 7. bis 9. Oktober 1998 in Porto Alegre verfasst wurde und als ersten Punkt folgende Formulierung enthält:

“Der Missbrauch von Wählerumfragen als Instrument für täuschende Werbung zu Gunsten irgendeines Kandidaten schadet der vollen Entfaltung der brasilianischen Demokratie, denn er verletzt das Recht auf freie Äußerung des Wählerwillens.

(Übersetzung: Silvia Reichmann de Almeida) 

1 Artikel zu einem Vortrag beim II Encontro Nacional de Estudos de Comunicação e Política – II  Brasilianische Tagung über Kommunikation und Politik, am 18. Dezember 1998, im Auditorium der Faculdade de Comunicação / UFBA – Fakultät für Kommunikation der Staatlichen Universität Bahia, in Salvador.

2 Soziologe, Dozent an der UESC - Universität Santa Cruz, Ilhéus, Bahia. www.socio-estatistica.com.br

3 Artikel: Veröffentlichung von Umfragen und Entscheidung des Wählers. II COMPOLÍTICA. Artikel: Die Logik von Wahlvorgängen für Regierungsämter und Wiederwahl. In: Tagungsband des IV Seminário de Pesquisa da UESC - IV Forschungstagung der UESC, Dezember 1996, in Ilhéus, Bahia.

4 Wenn Umfragen keinen Einfluss hätten, wie ließe es sich erklären, dass der Autor, als Teilhaber eines Meinungs­forschungs­unternehmens, bis heute noch keinen Bericht an einen Kunden abgegeben hat, der in der Umfrage gut abgeschnitten hatte, ohne dass er mit Begeisterung reagiert und seine Parteigänger und Berater mitgerissen hätte? Das gleiche wurde auch umgekehrt beobachtet, wenn ein Kandidat schlechter abgeschnitten hatte als erwartet, bei Empfang der Ergebnisse entmutigt reagierte und damit seine Mitarbeiter regelrecht “ansteckte”. In diesem Sinne macht sich der Einfluss von Umfrageergebnissen zunächst am Selbstvertrauen und an der Stimmung der Kandidaten und ihres Teams bemerkbar.

5 Artikel: Veröffentlichung von Umfragen und Entscheidung des Wählers.

6 In seinem Artikel Anschlag auf die Wählerumfragen (Folha de São Paulo, 8.10.98, 1-2) drückt Otávio Frias Filho es folgendermaßen aus: “Selbstverständlich besitzt ein Institut wie Datafolha, das nur Wählerumfragen für die Presse durchführt, eine viel größere Glaubwürdigkeit als andere Institute, die auch Umfragen im Auftrag von Politikern durchführen”.

7 Colégio de Presidentes dos Conselhos Seccionais da OAB: Zusammenkunft der Vorsitzenden der Anwaltsverbände.

6. Literatur

ABRAMO, Cláudio Weber.  Besteirol eleitoral.  In: Folha de São Paulo, 13.10.98, 1-3.        

CASTRO, Reginaldo.  Não proibir, mas regulamentar.  In: Folha de São Paulo, 10.10.98, 1-3.        

CENEVITA, Walter.  Credibilidade das pesquisas.  In: Folha de São Paulo, 31.10.98, 3-2.

CARVALHO FILHO, Luís Francisco.  As pesquisas e a democracia.  In: Folha de São Paulo, 8.10.98, 1-3.        

FOLHA DE SÃO PAULO.  A CPI das pesquisas. In: Folha de São Paulo, 9.11.98, 1-2.

FOLHA DE SÃO PAULO.  Desigualdade eleitoral. In: Folha de São Paulo, 5.11.98,
1-2.

FOLHA DE SÃO PAULO.  Eleições: Diretores falam a deputados; Institutos propõem manual de pesquisa.  In: Folha de São Paulo, 12.11.98, 1-13.

FRIAS FILHO, Otávio.  Golpe contra as pesquisas.   In: Folha de São Paulo, 8.10.98, 1-2.

GARCIA,  Marco Aurélio.  Distorções na eleição e no segundo turno. In: Folha de São Paulo, 13.10.98, 1-3.

FREITAS, Janio. Pesquisas outra vez. In: Folha de São Paulo, 8.10.98, 1-5.      

FIGUEIREDO, Rubens. Opinião Pública, Intencionalidade e Voto. In: Opinião Pública, Ano II, nº 2, Dez./94., 73-82. Campinas: CESOP/ UNICAMP.

GASPARETTO, Agenor.  A lógica que comanda processos eleitorais para cargos executivos e a reeleição. In: Anais do IV Seminário de Pesquisa da UESC, Dez./96, 94-108. Ilhéus: Editus, 1998.

GASPARETTO, Agenor.  Pesquisas Eleitorais e decisão do eleitor. Beitrag zum II COMPOLÍTICA, FACOM/UFBA, Salvador, Dezember 1998.

LESSA, Renato.  Informação, Pesquisa e Democracia.  In: Folha de São Paulo, 18.10.98, 1-3.        

NOVAES, Carlos.  Pesquisa não é bola de cristal.  In: Folha de São Paulo, 10.10.98,
1-3.        

www.oglobo.com.br/politica. Institutos de pesquisa mudam para melhorar.  13.11.98.

NUNES, Márcia C., OLSÉN, Örjan, STRAUBHAAR, Joseph. O uso de pesquisas eleitorais em decisões de voto. In: Opinião Pública, Ano I, nº 2, Dez./93, 63-75. Campinas: CESOP/ UNICAMP.

PAULINO, Mauro Francisco.  O Datafolha nas eleições 98.  In: Folha de São Paulo, 05.11.98, 1-3.        

Versão em português:  PESQUISAS ELEITORAIS: INFORMAÇÃO E PROPAGANDA